Quest Update

Christian Huberts

"All work and no pay makes Chris a dull boy."

Darum sucht er jederzeit nach spannenden Aufträgen als Freiberufler und/oder einer Festanstellung in den Bereichen Gaming, Kulturvermittlung, Öffentlichkeitsarbeit, Kuration, Beratung, Lehre, Forschung, Recherche, Kulturjournalismus, Redaktion oder Lektorat. Mehr zu seinem Profil gibt es hier im Blog, auf der offiziellen Homepage sowie bei Xing und torial.

Christian freut sich über konkrete Hinweise und faire Angebote!


Dienstag, 29. Mai 2012

Peggle Deluxe

Da ich in letzter Zeit sehr viel zu tun hatte – die Ergebnisse wird man hoffentlich bald hier sehen können – und nichts Neues für den Blog produzieren konnte, krame ich mal wieder was aus der Mottenkiste aus. Eben erst habe ich diesen schönen Text zu Peggle Deluxe wiederentdeckt, der in der Übung »Nah und fern Computerspiele beschreiben« bei Heiko Gogolin – ehemaliger Chefredakteur der GEE – im WS 2007/2008 an der Uni Hildesheim entstanden ist:


Vollkommen konzentriert, wie bei einer Partie Minigolf, gehe ich das imaginäre Kugelballett Schritt für Schritt im Geist durch. Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel! Eigentlich müsste es so zu schaffen sein… Plopp! Und dann hüpft mein Ball, wie vom Chaos gestochen ins Nichts. Ich habe es einfach nicht drauf! Zerknirscht feuere ich die letzte meiner Kugeln in ihr vermeintliches Verderben. Doch da springt sie zielsicher von Peg zu Peg, prallt von der Wand wieder ab, fliegt haarscharf an allen Hindernissen vorbei, um schließlich… Trommelwirbel… … … EXTREME FEVER: »Freude, schöner Götterfunken / Tochter aus Elysium / Wir betreten feuertrunken / Himmlische, dein Heiligthum« … ich muss ein Genie sein! Welch perfekte Flugbahn! Das Werk eines wahren Peggle-Meisters! Oder einfach nur mehr Glück als Verstand?

Sehen wir es doch mal so: Seit knapp 20 Jahren spiele ich Computerspiele. Und seit knapp 20 Jahren wurde mir von Super Mario & Co. ein ziemlich eindeutiger Arbeitsethos eingebläut. Wenn ich mich nur recht bemühe, fleißig alle Tastenkombinationen auswendig lerne und nie aufgebe, würde mir alles Glück der virtuellen Welt zuteil werden. Und das hat all die Jahr auch vorbildlich funktioniert. Böse Königreiche fielen, Prinzessinnen wurden gerettet, stereotype Schurken bissen ins Gras und mein Ego wuchs und wuchs. »Ja, du hast es voll drauf!« schrie es mir aus jeder Zeile des Bildschirms entgegen… und dann kam Peggle Deluxe! Tja, und jetzt ist mein Ego, um es mal vorsichtig auszudrücken, etwas verunsichert. Dabei ist doch eigentlich alles in Ordnung. Ich reflektiere meine Spielzüge. Ich entwickele Strategien. Ich habe Erfolg! Aber manchmal driften die Kontinentalplatten von ›Können‹ und ›Erfolg‹ einfach zu weit auseinander, um noch ruhig schlafen zu können. Dann denke ich nicht groß nach, schieße meine Kugel nur so drauf los und hoppla, Beethoven krault mir die Eier. Mein Ego nimmt derweil ein kaltes Bad im Ozean der Bedeutungslosigkeit.

Es ist schon keine leichte Erfahrung in die man durch Peggle Deluxe gestoßen wird. Zumindest wenn man gewohnt ist, für Erfolge hart zu arbeiten. Plötzlich fühle ich mich wie bei einer glücklichen Partie Poker. Mit dem Royal Flush in der Hand glaubt einem niemand mehr, dass man das irgendwie geplant hatte. Dasselbe, wenn ich in Gran Turismo mit meinem getunten Ford GT gegen eine VW Käfer-Konkurrenz gewinne. Und zwar ohne zu lenken! König ›Können‹ ist tot, es lebe König ›Glück‹! Natürlich beginnt mein Ego sofort zu protestieren, dass Zufall im Computerspiel gar nichts zu suchen hat. Es sei denn, es handelt sich um Zufalls-Algorithmen, die ja nicht wirklich zufällig sind. Aber, Anarchie? Pah! Ja, ganz sicher, Kontrolle und Beherrschung sind die einzig wahren Wege des Computerspiel-Meisters. Punkt! Und während mein Ego noch weiter so vor sich hin babbelt (»Und mit so etwas verdienen die auch noch Geld! Unverschämt!«), ist mein eifriger Zeigefinger damit beschäftigt, eine Kugel nach der Anderen in den Malstrom der Pegs zu entlassen. Mein Gesicht trägt das selbstvergessene und zufriedene Lächeln eines Lamas.

Es lässt sich nicht leugnen: Peggle Deluxe macht Spass. Gefährlich viel Spass! Die Art von Spass, die tagtäglich Millionen Menschen ihr Münzgeld in Automaten stecken lässt. Die Art, für die ich wichtige Mahlzeiten zu Gunsten von Spielzeit opfere. Das Prinzip ist so einfach, aber die Wirkung so groß. Das Ballett des Zufalls verscheucht jeden Willen nach Kontrolle. Ja, es verscheucht überhaupt jeden klaren Gedanken aus meinem Kopf. Wer hätte gedacht, dass es so vereinnahmend sein kann, einer Kugel dabei zuzusehen, wie sie ihren Weg nach unten sucht. Peggle Deluxe ist die Software-gewordene Verantwortungslosigkeit. Was mein Unterbewusstsein schon begriffen hat, tropft langsam auch zum Ego durch. Eigentlich ist es doch das, was jeder sich wünscht: nichts mehr tun müssen und trotzdem glücklich sein. Aufgehen im bloßen Dasein. Statt dass ich vom Schicksal hin- und hergerissen werde, trägt nun die Kugel dieses Joch. Sie prallt nach Links ab oder nach Rechts, im scharfen Winkel oder im flachen Winkel, aber ich bleibe vor dem Computer sitzen und spiele Peggle Deluxe. Der Vielfalt möglicher Spielausgänge steht nur noch ein mögliches Ich gegenüber. Und nach Jahren der Askese wird ein Schüler zu diesem Ich treten und fragen: »Meister, was ist die wahre Bhudda-Natur?« Und ich werde Antworten: »Hast du heute schon Peggle Deluxe gespielt?«

Freitag, 11. Mai 2012

»Previously on…«

Es ist viel zu tun gewesen in den letzten Wochen, daher habe ich meinen Blog etwas vernachlässigt. Darum nun eine Recap der letzten großen Achievements:


Der Sammelband Welt|Kriegs|Shooter: Computerspiele als realistische Erinnerungsmedien? – den ich zusammen mit Sebastian Standke, Daniel Appel und Tim Raupach im Verlag Werner Hülsbusch herausgegeben habe – ist auf viel positives Feedback gestoßen. So schreibt Achim Fehrenbach auf Zeit Online:

Nicht nur thematisch, auch inhaltlich erweist sich der Sammelband als abwechslungsreich: Literarische Beiträge stehen neben Essays und streng wissenschaftlichen Texten. Höchst lesenswert ist, wie der Kulturwissenschaftler Christian Huberts das Spiel World at War analysiert.

Zudem wurde mir an gleicher Stelle die »Ehre« zuteil, dass meine Ideen von einem Leser in den Kommentaren als »menschenverachtend« bezeichnet werden. Mich hat's gefreut und Jan Fischer macht für globe-M eine schöne Rezension aus der Steilvorlage:

Dass sich […] gerade in den Games Studies ein Generationenbruch ankündigt, dessen Protagonisten sich langsam aber sicher vom Jürgen-Mayer-Rechtfertigungsreflex befreien, ist eine gute, eine richtige Entwicklung, und eine, die sich in Welt|Kriegs|Shooter so wohltuend zeigt, wie die ersten Strahlen einer aufgehenden Sonne über einem Schlachtfeld, auf dem schon längst keine Schlachten mehr geschlagen werden.

Und dass ich doch eigentlich ein ganzer feiner Kerl bin und Menschen alles andere als verachte, kann man vielleicht an einem Interview nachvollziehen, das ich zusammen mit meinem Mitherausgeber Sebastian Standke dem Titel-Magazin gegeben habe. Rudolf Inderst entlockt mir dabei die ein oder andere power phrase:

Wer sich in seiner Forschungsarbeit nicht von vorschnellen Werturteilen lösen kann, hat eigentlich nichts in der Wissenschaft zu suchen. Wir haben uns von dem vermeintlichen Schund nicht abschrecken lassen und Weltkriegsshooter stattdessen, wie jedes andere Kulturartefakt auch, sehr ernst genommen.

Ebenfalls im Titel-Magazin treibt Martin Spieß meiner introvertiert-bescheidenen Künstlerseele die Röte ins Gesicht:

Wer heute Computerspiele nicht nur spielen, sondern auch verstehen will, kommt an Huberts nicht vorbei. Und noch mehr: Wer heute über Computerspiele schreibt, kann es eigentlich nur so machen.

Schamesröte ins Gesicht treibe ich hoffentlich Wolfgang Börnsen von der CDU. Der Vater von VIER (!) Kindern ist der Meinung, »Ballerspiele sind nicht preiswürdig« und schwingt dafür Argumente like it's 2000-and-late. Das »Killerspiel« Crysis 2 hat trotz Protest den Deutschen Computerspielpreis 2012 als »Bestes Deutsches Spiel« gewonnen. Politik-Digital.de hat mich um einen Pro-Kommentar zu der Entscheidung der Fachjury gebeten und ich habe sehr gerne die Rolle des Advocatus Diaboli übernommen:

Jedes Computerspiel hat das Potential, uns unterhaltsame, interessante und sogar lehrreiche Erfahrungen nahezubringen, unabhängig davon, ob wir bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht nur Aliens abknallen. Crysis 2 ist ein gutes Spiel, aber Deutschland hat zukünftig sicherlich noch viel bessere »Killerspiele« zu bieten!

Da ich jetzt anscheinend schon Ego-Shooter-Experte bin, habe ich den Flow-Experten gleich nachgeliefert. Mit Reload liefert das öffentlich-rechtliche Fernsehen eine neue und sehr ordentliche Sendung zum Thema »Computerspielkultur« und hat mich für die erste Folge am 10. Mai 2012 als Fachmann vor ein IKEA-Bücherregal gesetzt. Die ganze Sendung kann man sich komplett auf YouTube anschauen (oder auch gleich direkt zum Experten springen):




Üben konnte ich für die Experten-Rolle schon gut auf der Tagung flow aus_spielen, die am 9. und 10. März 2012 im phæno in Wolfsburg stattfand [ich kündigte das in der Vergangenheit bereits an, wieder und wieder]. Alles verlief prima, die Vorträge(r/-innen) waren toll und wurden professionell auf Video gebannt. Ich hoffe an dieser Stelle bald meinen Flow-Vortrag online stellen zu können, aber ein bisschen wird's wohl noch dauern, bis der Schnitt abgeschlossen ist. Ein Tagungsband ist ebenfalls in Vorbereitung und geht hoffentlich im kommenden Frühsommer in den Druck. Bis dahin gibt es ein Foto von mir, wie ich über eine Banane nachdenke:


(Foto: Aylin Horata)


Apropos »Tagungsband«: Demnächst erscheint dann auch endlich mal der Sammelband zur Konferenz Sortieren, Sammeln, Suchen, Spielen: Die Datenbank als mediale Praxis. Zumindest gibt es vom LIT Verlag nun schon eine offizielle Ankündigung. Ist ja jetzt eine ganze Weile her, dass ich die Wälder von Zork & Co. erkundet habe!

Und nun, ein Cliffhanger! »On the Next Episode of…«: Körperlichkeit im Computerspiel, Literarizität und Computerspiel, Geschichtsvermittlung im Computerspiel, etc. pp.

Character Info

Christian Huberts

Christian Huberts, Diplom-Kulturwissenschaftler, Jahrgang 1982, studierte »Kulturwissenschaften und ästhetische Praxis« an der Universität Hildesheim.

Zur Zeit ist er freiberuflicher Redakteur für das Games-Bookazine WASD, kuratiert Texte auf piqd sowie tritt regelmäßig als Experte für digitale Spiele auf Kulturveranstaltungen auf. Er hat zuletzt an der University of Applied Sciences Europe in Berlin doziert und den Game Studies-Sammelband »Zwischen|Welten: Atmosphären im Computerspiel« im vwh-Verlag herausgegeben. Daneben schreibt er für wissenschaftliche Publikationen, Kulturmagazine sowie Online-Zeitungen diverse Artikel über die Partizipation an virtuellen Welten und die Kultur von Computerspielen.

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